Erstmals Strafzins auf Tagesgeld in Hamburg

Von Volker Mester

23. Dezember 2016

Ein Tagesgeldkonto kann sich lohnen. Vorab sollten Verbraucher jedoch einen Vergleich der verschiedenen Angebote durchführen. Foto: dpa

Volksbank führt Gespräche mit Kunden, die mehr als 500.000 Euro geparkt haben. Gebühr für wohlhabende Firmenkunden bei der Haspa.

Hamburg.  Für den Begriff "Zins" gibt es in der Wirtschaftslehre eine ganz klare Definition: Es ist der Preis, den man dafür erhält, wenn man anderen zeitweise Geld überlässt. Doch nun wird dieser Sachverhalt auch für private Bankkunden auf den Kopf gestellt. Im kommenden Jahr wird voraussichtlich erstmals ein Hamburger Geldinstitut Strafzinsen von ihnen verlangen.

Geprüft werde, bei Beträgen von mehr als 500.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto einen Negativzins von 0,2 Prozent einzuführen, sagte Reiner Brüggestrat, Vorstandssprecher der Hamburger Volksbank, dem Abendblatt. Zunächst werde man allerdings mit den betreffenden Kunden darüber sprechen, ob es für so große Geldbeträge nicht sinnvollere Anlageformen als ein Tagesgeldkonto gebe – etwa Festgeld oder Wertpapiere. "Wir reden nicht über Negativzinsen auf das Giro- oder das Sparkonto", stellte Brüggestrat klar.

Schon seit längerer Zeit verzeichne die Hamburger Volksbank hohe Mittelzuflüsse. Kunden kehrten anderen Banken den Rücken, weil diese entweder bereits Strafzinsen verlangen oder weil sie Filialen schließen, hieß es dazu von der Volksbank. Überschüssige Liquidität kann sie aber mittlerweile selbst nicht mehr kostenlos unterbringen. Denn nicht nur die Europäische Zen­tralbank (EZB) erhebt auf Einlagen der Banken einen Negativzins von 0,4 Prozent. Dies tut auch die DZ Bank in Frankfurt, das Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken.

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Andere Hamburger Geldhäuser wälzen die Zinskosten, die ihnen die EZB in Rechnung stellt, zumindest in Einzelfällen auf die Kunden ab. "Wir erheben derzeit keine pauschalen Negativzinsen", sagte ein Sprecher des Bankhauses Berenberg. "Wenn jedoch ein Privat- oder Firmenkunde Liquidität im zweistelligen Millionenbereich parkt, prüfen wir, ob wir die uns dadurch entstehenden Kosten weitergeben." Bei der Privatbank M.M. Warburg & CO gibt es Negativzinsen nach eigenen Angaben nur für institutionelle Kunden und für Firmen.

Selbst die Haspa hat jetzt beschlossen, sie für größere Guthaben von Firmenkunden einzuführen. Man spreche derzeit mit Kunden aus diesem Segment über die Einführung von Negativzinsen, hieß es von der Sparkasse. Private Konten seien allerdings nicht betroffen – ebenso wenig wie Firmenkunden mit kleinen Einlagebeträgen wie etwa Handwerker: "Es geht hier um größere Volumina." Eine Untergrenze dafür wurde nicht genannt.

Ziel ist es, die Wirtschaft anzukurbeln

"Die auf Dauer angelegte Negativzinspolitik der EZB macht es auch für uns notwendig, für größere Guthaben von institutionellen Anlegern und Firmenkunden ein Verwahrentgelt zu nehmen", sagte Haspa-Sprecherin Stefanie von Carlsburg dem Abendblatt. "Wir werden aber alles daransetzen, Negativzinsen auf Spareinlagen von unseren privaten Kunden so lange wie möglich fernzuhalten."

Der Hintergrund: Jeden Monat entzieht die EZB der Bankenbranche rund 350 Millionen Euro, weil alle Institute, die über Nacht Geld bei der EZB parken, dafür 0,4 Prozent zahlen müssen. Dieser Zinssatz gilt seit März, bis dahin waren es 0,3 Prozent.

Mit den "Strafzinsen" wollen die Währungshüter die Banken dazu bringen, ihr Geld entweder in Wertpapieren wie etwa kurz laufenden Anleihen zu parken oder mehr Kredite zu vergeben, um so die Wirtschaft anzukurbeln. Bereits seit dem Sommer 2014 verlangt die EZB auf die bei ihr geparkten Einlagen der Geschäftsbanken negative Zinsen.

Doch immer häufiger geben die In­stitute die ihnen auferlegten Strafzinsen an Kunden weiter. So verlangt etwa die Commerzbank nach eigenen Angaben seit dem Jahresanfang 2016 von etlichen mittelständischen Unternehmen eine "individuelle Guthabengebühr"; einzelne Großkunden zahlten diese bereits seit Dezember 2014.

Im Sektor der genossenschaftlichen Banken sind die Negativzinsen in Einzelfällen schon längst bei Einlagen von Privatpersonen angekommen. So müssen Kunden der Skatbank in Thüringen für Beträge oberhalb eines Einlagevolumens von drei Millionen Euro Strafzinsen zahlen. Bei der Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee liegt die Schwelle bei 100.000 Euro, ebenso bei der Volksbank Stendal (Sachsen-Anhalt). Die Sparda-Bank Hamburg, die ebenfalls zum genossenschaftlichen Finanzsektor gehört, erhebt nach eigenen Angaben jedoch keine Strafzinsen und plant das derzeit auch nicht.

Zwar gibt es sogar noch einzelne Institute, deren Kunden dafür belohnt werden, dass sie ihr Geld dort unterbringen – selbst wenn sie es nicht längerfristig festlegen wollen. Doch für Bestandskunden liegen die Spitzensätze bei Banken, die der deutschen Einlagensicherung angehören, gerade noch bei bestenfalls 0,5 Prozent.

Für Europa ist noch keine Zinswende in Sicht

Nicht nur bei der EZB, sondern am gesamten Geld- und Kapitalmarkt seien die Zinsen kurzfristiger Anlagen mittlerweile in der Regel negativ, sagte Brüggestrat. Angesichts dieser "perversen Situation" sei das Institut gezwungen, nun über eine zumindest teilweise Weitergabe der Belastung auch an Privatkunden nachzudenken.

Zwar hat die US-Notenbank Fed vor wenigen Tagen erstmals seit fast zehn Jahren ihren Leitzins wieder leicht heraufgesetzt. Für Europa erwarten Experten einen entsprechenden Schritt der EZB aber angesichts des schwachen Wachstums und der niedrigen Inflation auf absehbare Zeit nicht.

Nur wenn sich schon innerhalb der ersten beiden Quartale 2017 auch hier eine Zinswende abzeichne, könne der Kelch der Negativzinsen an den vermögenderen Privatkunden der Hamburger Volksbank vorbeigehen, so Brüggestrat. Das sei aber "eher eine stille Hoffnung als eine realistische Prognose".

Auch bei den Sparkassen könnte das bisherige Tabu der Strafzinsen auf private Konten gebrochen werden – zumindest bei höheren Beträgen. Auf lange Sicht schließe er so etwas nicht aus, hatte Georg Fahrenschon, der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), im April gesagt. Zwar würden die Geldinstitute "alles tun, um die privaten Sparer vor Negativzinsen zu schützen – in Teilen auch zulasten der eigenen Ertragslage". Wenn die aktuelle Niedrigzinsphase aber lange andauere, werde das nur noch für "Menschen mit kleineren und mittleren Einkommen und Vermögen" gelingen. Auch die Haspa gehört dem DSGV an.